CSD Potsdam

"Jede:r soll nach seiner Fasson selig werden."


Prolog

"Wie man angesichts solcher Dinge behaupten kann, die Sache habe wenig Bedeutung, ist etwas merkwürdig. Nun hat man gesagt, daß ganze Regimenter (homosexuell 1) verseucht seien, sei nicht wahr. Dann sage ich: warum hat man dann in Potsdam den Befehl erlassen, daß die Mannschaften der Gardes du Corps nicht mehr in weißen Lederhosen und Kanonenstiefeln ausgehen durften?" (Heiterkeit.)

61.Sitzung des Reichstages am 29.11.1907
Zitat aus einer Rede von August Bebel

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Mit der Regentschaft Friedrich II. ist das Wort Toleranz auch in Bezug auf eine freie Entscheidung über die eigene (sex.) Lebensorientierung eng mit Potsdam verbunden. "Ohne Sorge" stand nicht von ungefähr auf dem Sommer-Wohnsitz des Königs. Seine Hingezogenheit zu Männern ist seit den gezielten Indiskretionen eines gewissen Voltaire legendär und seine aus einem anderen Zusammenhang passende Antwort "Jeder soll nach seiner Fasson selig werden" noch heute überall sprichwörtlich. 

Ganz Europa "zerriss sich das Maul" über die Vorgänge am Hofe in Potsdam. Diese "Vorgänge" initiierten erstmals einen Diskurs darüber, welche gleichen Werte, gleichen Freiheiten und gleichen Gesetze in Bezug auf homosexuelle Menschen eine Gesellschaft ausmachen sollen. Dieser Diskurs wurde bis in die Zeit der Weimarer Republik hinein immer wieder durch öffentliches Aufsehen geprägt. Insbesondere die "Homosexuellen-Skandale" in der Kaiserzeit, wie die Affären um den Grafen Eulenburg oder dem Stahlbaron Krupp spielten eine große Rolle und waren Anlass über Petitionen oder Gesetzesvorschläge im Reichstag den § 175, der homosexuelle Handlungen unter Männern unter Strafe stellte, abzuschaffen.

Potsdam spielt in der öffentlichen Wahrnehmung eine bemerkenswerte Rolle. Durch Friedrich II. und seinem ebenfalls den Männern zugeneigten Bruder Prinz Heinrich erhielt Potsdam den Ruf einer "besonders toleranten Stadt". Der Streit der beiden Brüder über gut aussehende Offiziere, Adjutanten und Ordonnanzen beschäftigte schon damals die feine Gesellschaft. Der "gute" Ruf Potsdams hatte sicherlich auch mit dem männlichen und männerliebenden Hofstaat des Königs zu tun, denn dieser lebte, liebte und feierte ja in den Caféhäusern und in den Villen der Stadt. Es ist vielleicht nicht verwunderlich, dass es seit diesen Zeiten auch ein Schimpfwort gab: "Potsdamist". Dieses nicht freundlich gemeinte Bezeichnung galt den Diplomaten, die häufig homosexuell und in Potsdam lebten, wenn sie nicht in Europa unterwegs waren. Denn die Söhne der Adels- und Beamtenfamilien, die nicht für das Militär eines militaristisch-preußischen Staatswesens "geeignet" und eher "musikalisch" waren, wurden häufig in den diplomatischen Dienst geschickt. Die Lebensfreude und die besondere Freiheit der Stadt brachte konservativen Kräfte regelmäßig in Rage. Als im Reichstag wieder einmal über die Abschaffung des § 175 debattiert wurde, antwortete August Bebel auf eine Bemerkung eines Abgeordneten, dass es ja Homosexuelle eigentlich nicht gebe, mit obigen Zitat. 

Je intensiver wir uns in den Archiven der Geschichte umsehen, je mehr wir nachforschen, desto mehr sehen wir Held:innnen, die sich in ihrer Zeit und mit ihren Möglichkeiten mutig für ein Stück mehr Gleichberechtigung und Freiheit eingesetzt haben. Das geschah nicht ohne Widersprüche und Irrtümer der handelnden Personen. Aber jeder Zentimeter, der aus dieser Bewegung heraus an Freiheit und Gleichberechtigung gewonnen werden konnte, ist heute ein Stück Selbstverständlichkeit mehr.

Ob Friedrich II., Johanna Elberskirchen oder Charlotte von Mahlsdorf, die Geschichte kennt viele queere Held:innen. Erinnern wir uns daran. Versuchen wir zu verstehen. Urteilen wir nicht.


CSD POTSDAM - Wo wir herkommen.

Nach zwei Weltkriegen und zwei deutschen Diktaturen leben wir in einer Stadt, die mit der vielfältigsten queeren Struktur in Brandenburg ausgestattet ist. 

Die heutige queere Vielfalt fand Ende der 1980er Jahre, noch in der DDR, ihren Anfang und hat seitdem immer wieder Wandlungen erfahren und überstanden. Vergessen wir nicht, dass die DDR Bevormundung, Gängelung und Bespitzelung für alle bedeutete, die nicht konform zum System lebten. Offen schwul oder lesbisch zu sein rief das Misstrauen der Mächtigen hervor. Umso mutiger war es, dass einzelne Engagierte sich auf den Weg machten, um eine Homosexuellen-Initiative, zuerst unter dem Dach der Kirche und später im Kulturhaus "Herbert Ritter" zu gründen. Die damaligen politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen in der DDR gingen auch nach der Wende nicht spurlos an der Homosexuellenbewegung vorbei und prägten die queere Struktur noch bis weit in die 2000er Jahre.

Nur durch das übergroße Engagement von Einzelpersonen und wenigen Vereinen konnte die Etablierung einer queeren Struktur, im heutigen Sinne, in Potsdam nach der Wende ermöglicht werden. Vereine wie HIP oder Tabulos oder Initiativen wie das "Blaue Wunder" und auch der Landesverband AndersARTiG machten in den 90er Jahren das homosexuelle Potsdam aus. Einzelne Aktivisten und Aktivistinnen haben viel geleistet und mit ihrem Engagement auch oft provoziert. 1994 initiierte HIP e. V. den ersten CSD Potsdam. Genauer gesagt, wurde der erste Infostand anlässlich des Christopher Street Day auf dem Luisenplatz präsentiert. Nur noch ein Zeitungsartikel ist im Archiv darüber vorhanden. Das klingt aus heutiger Sicht nach sehr wenig Enthusiasmus. Der Gegenteil ist aber der Fall, denn nach der Wende brachen alle bis dahin geschaffenen schwul -lesbischen Strukturen, wie der monatliche Treff im Kulturhaus "Herbert Ritter" oder die sehr gut besuchte Diskothek "Rosa Feeling" als Treffpunkte weg. 

Ein öffentliches Eintreten für die Gleichbehandlung von Homosexuellen war in der damaligen Zeit nicht selbstverständlich. Während sich in Potsdam und in Brandenburg eine helfende Struktur für verschiedene andere Zielgruppen durch Landes- und städtische Förderungen etablierte, reduzierte sich die Förderung  von queeren Belangen bis in die 2010er Jahre auf ein Einzelprojekt im Land Brandenburg. Die katastrophalen Folgen dieser Nicht-Entwicklung von queeren Strukturen sind bis heute landesweit zu spüren. Eine zielgruppenspezifischen Gesundheitsversorgung (trans*, HIV, seelische Gesundheitsversorgung), queere Kulturangebote oder eine stetige Sichtbarkeit von queeren Lebensformen im Stadtbild müssen jedes Jahr hart erkämpft werden. Dies geht zu Lasten Einzelner und schränkt die Handlungsfähigkeit der queeren Community ein.


POTSDAM kann noch mehr!

Mit der in den letzten Jahren steigenden Unterstützung der Landeshauptstadt Potsdam und den Vertretenden der Stadt und der Politik ist es der queeren Community gelungen wichtige Beratungsangebote in den Bereichen HIV/STI, trans*, Coming-out zu etablieren und zu erhalten. Davon profitieren u. a. die Beratungsstelle RAT + TAT, der Fahrrad-Pride oder der Queensday des CSD Potsdam. Erstmals hat die Landeshauptstadt ein deutschlandweit innovatives QUEERbudget als Teil der Bürgerbudgets gefördert. Potsdamer:innen haben die Möglichkeit maximaldemokratisch Projekte für queere Sichtbarkeit zu wählen. Potsdam ist mit diesem Umfang an Unterstützung Vorreiterin für ganz Brandenburg. 

Das Land Brandenburg wird den 2017 eingeführten Landesaktionsplan Queeres Brandenburg  fortschreiben. Das ist ein Erfolg aller Beteiligten aus Politik und Community. Die Landeshauptstadt kann und muss zukünftig, gerade wegen ihrer Vorbildfunktion, einen Schritt weitergehen und diesen Impuls aufnehmen. Dazu sollte das Stadtparlament die Erarbeitung eines lokalen Aktionsplans initiieren. Davon profitiert die zuallererst die Landeshauptstadt selbst, denn ein diskriminierungsfreies Miteinander, die Achtsamkeit gegenüber Menschen mit Beratungs- und Hilfebedarfen, befördert uns alle als freie Gesellschaft.

"Jede:r soll nach seiner Fasson selig werden."

1 redaktionelle Anmerkung, CSD Potsdam